Für C.S.
Diese überwiegend weißen oder eierschalengelben Bilder von Christoph Schellberg wirken in Abbildungen zunächst asketisch, fast leer und unspektakulär. Es sind mutige Bilder, gemalt mit einer Haltung, die sich der Schnelligkeit und Oberflächlichkeit unserer digital dominierten Welt verweigert und auf einer Integrität beharrt, die wesentliche Malerei seit jeher kennzeichnet. Bei meinem Atelierbesuch am 26. Juni hing ein Bild an der Wand, davor stand ein Sessel zur kontemplativen Betrachtung – eine klare Aufforderung zur angemessenen Beschäftigung mit dieser Malerei. Malerei ist ein einsames Medium, der Maler ein Solist. Christoph Schellberg reflektiert diese Grundvoraussetzung und arbeitet ohne jeden Anflug von Opportunismus, wobei ihn ein Grundvertrauen in seine Mittel leitet – Farbe, Linie, Raum und Licht. Die Mittel verändern seine Bilder allmählich, und in seltenen Augenblicken auch überraschend, sprunghaft. „Jazz, nicht Punk“ seien seine Bilder, sagt der Künstler bei unserem Treffen, und damit trifft er einen wesentlichen Grundton seiner Arbeit: kein lautes, provokantes, rotziges Aufbegehren, sondern intuitive, kultivierte Improvisation bestimmen sie. Als Maler kennt Christoph Schellberg die Tradition und die technischen Möglichkeiten genau. Er misstraut der wohlfeilen theoretischen Behauptung vom Ende der Malerei und wagt ihre Fortsetzung, ohne epigonale Schwäche zu zeigen. Die Bilder von Christoph Schellberg sind eigenständig, niemand vor ihm hat bisher Bilder gemalt, die Transparenz und Schatten so rein zeigen, ohne abbildhaft zu sein. Schellbergs Malerei ist alla prima und entsteht in einem bedächtigen Improvisationsprozess, der in der Betrachtung des vollendeten Bildes wesentlich leichter wirkt. Diese Bilder entfalten ihre starke Wirkung völlig unangestrengt. Schellbergs Bilder sind nicht abbildend, und sie sind nicht angemessen abbildbar, was sie unverzichtbar macht. Sie sind im Wortsinne Originale. Dem Betrachter eröffnen sie Erfahrungen, die anders nicht zu haben sind. Nach meinem Besuch musste ich an den amerikanischen Altsaxophonisten Charlie Parker denken, und während ich ihn nun, zwei Tage später, mit dem Standard How Deep Is the Ocean von Irving Berlin* höre, bestätigt sich für mich die tiefe Wesensverwandtschaft dieser beiden Künstler – die einfachsten Voraussetzungen, die asketische Kultiviertheit (die jederzeit in barocken Überschwang umschlagen kann), die faszinierende Mischung aus banaler Vertrautheit und mystischer Emotionalität, all das teilen die unprätentiösen und tiefgründigen Werke beider Künstler miteinander. Beiden gelingt dabei eine großartige künstlerische Verdichtung der Gegenwart, die gleichzeitig irritierend und bereichernd ist, und das alles mit spielerischer Leichtigkeit vorgetragen, ohne sicht- oder hörbare Anstrengung. So ereignet sich Präsenz, wahrnehmbar für Auge und Ohr.
Kay Heymer, Essen, 28. Juni 2015
* aufgenommen mit dem Charlie Parker Sextet in New York am 17. Dezember 1947: Charlie Parker: as, Miles Davis: tp, J. J. Johnson, tb, Duke Jordan: p, Tommy Potter: b, Max Roach: d.
Julia Bulk